ABOUT

Zuzanna Zita Skiba ist 1968 in Koszalin, Polen in eine ukrainische Aussiedler-Familie geboren. Skiba lernte zuerst den bereits ausgestorbenen Beruf des Kartographen mit Ziehfeder und Lupe von Picke-Auf kennen. Anschließend studierte sie Malerei an der FH Gestaltung Bielefeld, Akademie Minerva Groningen (Niederlande) und UDK  Berlin. Aus dieser Schnittstelle zwischen Malerei und Kartographie malt sie eigene autonome Bilder, unterstützt vom Gedankengerüst eines Magnetfeldes und der Geländeschraffur. Skiba arbeitet international und betrachtet die Welt mit all ihren topographischen, politischen und persönlichen Informationen. In ihren Werkserien entwickelt sie eine Sicht aus unterschiedlichen Perspektiven: von oben, aus dem Mittendrin und von unten. Sie ist Mitglied beim Deutschen Künstlerbund, erhielt zahlreiche Förderungen, u. a. das Arbeitsstipendium für die Residenz auf der norwegischen Insel Fruholmen zum Thema „Drama in der Landschaft“ am Nordkap. Innere, wie äußere Landschaften entstehen. 

deutsch | englisch :

Texte zum Werk _ ein Auszug : 

von Christoph Tannert, Kunstkritiker und Künstlerischer ProjektLeiter und Geschäftsführer im künstlerhaus Bethanien

Zuzanna Skibas Bilder behausen die Stille an einem dunklen Ort. Er glänzt wie nasser Asphalt. Es liegt etwas Magisches darin. Ihre Bilder folgen höchst eigensinnigen Regularien, deren Kraftfelder im Verborgenen liegen. Angeregt werden diese Bilder von beobachtenden Landschaften, auch aus der Vogelperspektive, ebenso durch ihre Reisen oder Fensterausblicke. In Wahrheit ist der Außenraum, also die Landschaft in ihren Bildern allerdings so gründlich zu einem Teil ihrer alltäglichen oder auch lyrischen Gestimmtheit geworden, dass man ihn gar nicht mehr richtig bemerkt. Die Farbe bewegt sich zwischen Diesseits und Andererseits. Skibas Malerei ist ein langsames Medium. Die Malerin muss erst alles Gesehene vergessen, um es neu zu erfinden. In der Regel benötige diese Arbeit des Vergessens und Wiedererfindens Monate, sagt sie. Dabei fühlt sie sich wie die Dienerin ihrer Kompositionen, als wolle sie deren Formkern zum Durchbruch bringen, sichtbar machen, und wisse häufig am Beginn des bildnerischen Prozesses garnicht, wie es mit diesen innen liegenden Bildpotenzialen weitergehe. Vor ihrem Kunststudium hat Zuzanna Skiba eine Ausbildung zur Kartographin gemacht. Sie versteht es auf hervorragende Weise,raumbezogene Informationen zu verbildlichen. Genauigkeit und Aussagestärke auf der einen Seite und die emotionalen Impulse der Malerei auf der anderen Seite finden bei ihr zu einer gelungenen Symbiose. Skiba definiert Magnetfelder mittels Böschungs- und Schattenschraffen, wie sie beim kartographischen Zeichnen üblich sind. Ihre Einzelstriche berühren sich nicht. Je nach Stifthaltung und Enge bzw. Verdichtung der Striche können Helligkeit und Dunkelheit erzeugt werden. Die Landschaftssituationen entwickelt sie aus dem Kopf, nach dem sie die Landschaft vorher aber erkundet hat und sie wie aus einer Encyclopädie-Reihe in ihrem Gedächnis speichert und bei Bedarf wieder herauslockt. 2o12 beginnt die Künstlerin ein neues künstlerisches Kapitel, wobei sie nun Malerei und Zeichnung (mit Graphit oder Ölstift) zu einer Synthese führt. Dies ist eine spezielle Arbeitsweise, die den Eigenwert der Malkruste als haptisches Mittel integriert, auf Klumpen reagiert und die  Zufälle des Malprozesses zulässt. Erneut brechen sich Erdiges und Wässriges, Vulkanisches und Schwarzflächen Bahn.

Zuzanna Skiba ist keine Schwarzmalerin, sondern eher eine fundamental denkende Formenverdichterin, die ihre Sprache über das Stadium der Reife hinaus mehr und mehr radikalisiert. Die Farbe Schwarz, zuweilen in ein samtenes Schwarzbraun übergehend, ist diesbezüglich mit einem Prozess der Transformation verbunden. Sie lässt sich als Mittel zur Grenzüberschreitung deuten – vom Sichtbaren zum Unsichtbaren, vom Materiellen zum Spirituellen, vom Bewussten zum Unbewussten. Dieses Nicht-Wissen als eine Form von Reinigung wiederum ist Voraussetzung für einen Wandel.„Shut your eyes and see“, heißt es bei James Joyce im ersten Kapitel seines Ulysses.

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 von Dr. Dorothée Bauerle-Willert, Kunstkritikerin und Kunsthistorikerin, Berlin

„So geschmeidig, so schwerelos und so ungewiß der Strich auch sein mag, er verweist immer auf eine Kraft, eine Richtung; er ist ein energon, eine Arbeit, die die Spur ihres Triebs und ihrer Verausgabung aufzeigt.“ Roland Barthes

Zuzanna Skibas komplexe, ausgreifende Arbeiten siedeln in diesem Zwischenraum. Die Serie der Magnetfelder gibt  in sich selbst wirbelnde Formen, die Linien, die die Außenform hervorbringen, erzeugen zugleich in ihrem Binnenraum ein Kraftfeld, eine Bündelung von Energie, in dem die Grundprinzipien von Anziehung un Abstoßung, Annäherung und Distanz in prekäre und immer bewegliche Balance gebracht sind. Zuzanna Skibas mentale Malerei treibt das Landschafts_Bild hervor – mit Hilfe seiner ureigenen visuellen Mitteln, schwingende Linie und zweidimensionale Fläche und ihr unauflösbares Widerspiel. Das Verfahren der Kartographie, d.h. sich der Landschaft aus der Vogelperspektive zu erobern - wird erweitert, verändert, auf dem Kopf gestellt: Zuzanna Skiba geht es nicht um Fixierung, sie gibt keine festgestellten, einsinnigen Ansichten, stattdessen läßt sie ihre Formen atmen, sich falten, oszillieren. Stete Veränderung und ein Augenblick im Jetzt. Was wir sehen scheint in ständiger Verwandlung, und dies auch und vor allem als Spur einer Bewegung/Aktion, durch die die Linie Zeit verräumlicht, das zeitliche Nacheinander in ein räumliches Beieinander, Sukzession in Simultaneität. transformiert: ein Kontinuum, das jedoch in der Mikro-Sicht aus deutlich unterschiedenen, sich unterscheidenden Linien besteht.  Konzentriert und ausufernd erzeugen die Linien Rhythmen, Spannungsfelder, Variationen und Entzug.Vertieft in das Machen, in die Bewegung des Pinsels, ist für den Maler die endgültige Form nicht abzusehen  - als visuellste Kunst ist die Malerei im Entstehen eigentlich augenlos – Sie entsteht aus dem Gedächtis und aus der Hingabe an das Jetzt des Tuns:  Innenschau und Erinnerung bilden ihr Fundament. Mitunter überlagert Zuzanna Skiba die Struktur durch Farbe, das Strichgewebe wird in einen pulsierende Farbfläche eingebettet – umgekehrt wird der Farbraum durch die Zeichnung gehalten und akzentuiert, es eröffnet sich ein komplexes Bildfeldpotential im Widerspiel von Malerei und Lineament. Die dichten Felder, die mit Ausdehnung und Einziehung die Leinwand strukturierten öffnen sich in letzer Zeit zu  ringförmigen Gebilden, die Striche, die sie hervorbringen changieren in ihrer Intensität vom Grau zum Schwarz. Die Form schwebt, hebt ab, Leinwand und Farbe bestimmen sich in fragiler Identität. Im malerischem Prozess ist die Linie beides: sie läßt die Form entstehen, sie ist Spur eines Subjekts. Zuzanna Skibas Arbeiten balancieren zwischen den Polen, sind zugleich Übergang und Grenze. Ihre Liniengebilde, die Materialität des Striches verwandeln sich in der  Wahrnehmung in anschauliche Energie.  

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Text by :  Dorothée Bauerle-Willert

„No matter how smooth, weightless and uncertain the line may be, it always refers to a force, to a direction. It is an energon, a work that shows the track of its drive and its expenditure.“ Roland Barthes

What is a line? Every line, even the most simple, encompasses two things: It is a trace of the movement of drawing the line, thus representing the image of a gesture. Moreover, the lines create, as a game of the lineament, their concentration, interweaving, their mutual communication, a different, a separate and previously unseen, world. The drawing refers back to the energy of the artist and points to the other: attraction and disbursement, turning to oneself and to the object that configures itself as an inner mental picture through perception, to again become another when the pen touches the paper.

Zuzanna Skiba’s complex, expansive drawings move in this in-between space. From lines composed of very unspectacular dashes results a pulsating, vibrating structure, the whole and its parts, various perspectives tilt towards one another, as if oversight, insight and inner vision coincided in the drawing process: the sentence loop ‘inside is outside is inside’, hits the center of this graphic work. The outer scene and the inner landscape fit naturally into a mysterios field of lines, to an irresolvable inner network. In the drawings, the multiplicity of the individual seems to be suspended, as a sequence of contracting and expanding lines extending in the distance: infinity and beginninglessness are one. Zuzanna Skiba’s drawings are figures floating into each other, and the open, fragmentary, unfinished element in the drawing corresponds precisely to the transition between shape and resolution.

The series of magnetic fields creates swirling shapes, the lines forming the exterior shape simultaneously generate a force field in their internal space, a bundling of energy in which the basic principles of attraction and repulsion, proximity and distance are accommodated in a precarious and constantly changing balance. Zuzanna Skiba’s mental cartography drives out the picture - with the help of its very own visual means, swinging line and two-dimensional surface and their indissoluble interplay. The leaf becomes a (foreign) country, mobilized, animated, inhabited by the drawing. The process of cartography is expanded, changed, turned upside down: Zuzanna Skiba is not about fixation, she does not present identified, willfull views; on the contrary, she lets the shapes breathe, fold, oscillate. Constant change and a moment in the here and now.

What we see seems to be transforming without end, and this the more so as a trace of a movement/action, through the line time is spatialized, the temporal sequence is transformed into a spatial juxtaposition, simultaneity in succession: a continuum; however, in the micro-view it is composed of significantly distinct, differing lines. Focused and sprawling, the lines produce rhythms, tension fields, variations and with drawal.

Being absorbed in the making, in the movement of the pin, the drawer cannot foresee the final form - being the most visual art, the drawing is actually ‘eyeless’ - it arises from memory and out of devotion to the moment of doing: introspection and memories are its foundation. Sometimes Zuzanna Skiba superimposes colour onto the graphic structure, the tissue of lines is embedded in a vibrant colour area. - vice versa, the colour space is held and accented by the underlying drawing, a complex field potential opens up in the interplay between painting and lineament 



Dr. Susanne Pocai, Historikerin, Berlin 

Werkserie : Malerei mit Kruste : Seit 2006 kehrt Zuzanna Skiba immer wieder zum Thema der »Magnetfelder«zurück. Erste Arbeiten dazu entstanden bereits 1990. Skiba setzt Strich an Strich, ohne dass sich diese berühren. So verdichten sich die reihend aneinandergesetzten, gleichbleibenden Linien allmählich zu einer räumlichen Struktur, deren schwebende Form zu Beginn nicht feststeht, sondern sich aus Richtung und Duktus des Pinselstrichs ergibt. Nach einer langen Phase der malerisch fließenden Zeichnungen widmet sich Skiba seit 2013 wieder der Malerei auf Leinwand und nennt die Eigentümlichkeit ihrer Arbeitsweise –»Malerei mit Farbkruste«– nun zum ersten Mal bewusst beim Namen: Die im Laufe der Zeit auf der Palette entstehende Farbkruste wird, für Skiba sehr typisch, ganz selbstverständlich in den Malprozess einbezogen. Die Entstehungsgeschichte der aktuell gezeigten Arbeiten dokumentiert sehr gut Skibas kartographischen Blick und die sprichwörtliche Perspektive ihrer Arbeitsweise: So sind die Bilder BLAU Nr. 1+2 Übermalungen von 2006 entstandenen Arbeiten, die dem Thema »Unter den Linden« im Wortsinne gewidmet sind. Einige der gemalten Lindenbaumschnitte aus dieser großen, noch nicht abgeschlossenen Arbeitsserie dienten nun für die vom »Blaurausch« der ersehnten Meereslandschaft inspirierten Bilder als Ausgangs- bzw. Mittelpunkt des mäandernden Blaus, das wie aus großer Höhe betrachtet und von einem steten Wind gekräuselt aus dem satten, weiß-blau-nachtblau changierenden Gold Weiß wuchert. Im unscharfen Dunkelblau von »Magnetfeld gemalt« erweitert sich noch einmal jene Perspektive »von oben« und lässt das Motiv wie einen im Luftleeren treibenden Himmel erscheinen.  


Painting with the crust : Since 2oo6, Zuzanna Skiba has returned repeatedly to the subjectof Magnetic fields. The first works on this theme were produced as early as 199o (see left). After a long phase of drawings that flowed in a painterly way, as from 2o13 Skiba devoted her attention once again to painting on canvas, and now refers to her specific working method – Painting with the crust –for the first time consciously by name. Skiba paints line by line, with no line touching another. In this way the regular strokes, set in rows, gradually accumulate and concentrate into a spatial structure, whose floating form is not fixed at the beginning but emerges from the direction and flow of the brushstrokes. In a very typical way for Skiba, the crust of paint that develops on the palette over time is incorporated into the painting process as a matter of course. The story behind the genesis of the works currently on show documents Skiba’s cartographic outlook and the perspective behind her working method very clearly: for ex- ample, the paintings Blue 1 and 2 are painted over works produced in 2oo6, dedicated to the theme Unter den Linden. Some of the painted sections of lime tree from this major, as yet unfinished work series functioned as a starting- or centre-point for the meandering blue of the images inspired by the “Blue Ecstasy” of a longed-for seascape; here the sea grows rampantly, as if observed from a great height and roughened by constant wind, from the deep, white-blue, night-blue-shimmering gold-white. In the blurred dark blue of the work Magnetic field painted this perspective from above is expanded once again. 


Zuzanna Skiba

Werkserie VULKAN : Hier handelt es sich um die vulkanische Natur erdbebengeschüttelt und fruchtbar wuchernd, sie zu beherrschen, die Wollust, mit der die Pflanzen unaufhaltsam den Asphalt der Stadt durchstießen, zu bändigen. Der Vulkan erregt jede Pore der Existenz. Die vulkanische Landschaft ist Sinnlichkeit, offener Körper, breit, geschmeidig, wogende Brüste aus Erde gemacht und über die Landschaft gegossen. Bedrohlich, heiß, bezaubernd und manchmal noch schlafend.


KerberVerlag Interview : https://kerber-blog.com/magnetfelder-5-fragen-an-zuzanna-skiba/
Digital DIVA DELUXE Interview : http://digital-diva-deluxe.de/the-network/zuzanna-skiba/