Text deutsch / english

 von : Dorothée Bauerle-Willert

„So geschmeidig, so schwerelos und so ungewiß der Strich auch sein mag, er verweist immer auf eine Kraft, eine Richtung; er ist ein energon, eine Arbeit, die die Spur ihres Triebs und ihrer Verausgabung aufzeigt.“ Roland Barthes

Was ist eine Linie? Jede, auch die einfachste Linie umgreift ein Doppeltes: Sie ist Spur einer Bewegung, die im Ziehen der Linie besteht, Abbild einer Geste. Andererseits schafft jede Linie, das Spiel des Lineaments, ihre Bündelung, Verwebung, ihre wechselseitige Kommunikation, ein Anderes, eine eigenständige, nie gesehene Welt. Die Zeichnung verweist zurück auf die Energie des Zeichners und auf die Richtung zu dem Anderen: Attraktion und Verausgabung, Hinwendung zu sich selbst und zu dem Gegenstand, der durch die Wahrnehmung hindurch sich als inneres geistiges Bild konfiguriert, um wieder ein anderes zu werden, wenn der Stift auf dem Papier aufsetzt.

Zuzanna Skibas komplexe, ausgreifende Zeichnungen siedeln in diesem Zwischenraum. Aus ganz unspektakulär Strich an Strich gesetzten Linien ergeben sich pulsierende, vibrierende Gebilde, das Ganze und seine Teile, verschiedene Perspektiven kippen ineinenander, als ob im zeichnerischen Prozeß Aufsicht, Einsicht, Innensicht zusammen fielen: Die Satzschleife Innen ist außen ist innen trifft ins Zentrum dieses zeichnerischen Werks. Die äußere Schau und die innere Landschaft fügen sich wie selbstverständlich zu einem unausdeutbaren Linien-Feld, zu einem unauflösbaren Ineineinander. In den Zeichnungen scheint die Vielheit des Einzelnen in die Schwebe gebracht als eine sich bis in die Ferne erstreckende Folge von sich ein- und ausdehnenden Linien, Unendlichkeit und Beginnlosigkeit sind eins. Skibas Zeichnungen sind Grenz- und Fließfiguren vom einem zum andern, und gerade das Offene, Fragmentarische, Unvollendete der Zeichnung korrespondiert präzise dem Transit zwischen Gestalt und Auflösung.

Die Serie der Magnetfelder gibt in sich selbst wirbelnde Formen, die Linien, die die Außenform hervorbringen, erzeugen zugleich in ihrem Binnenraum ein Kraftfeld, eine Bündelung von Energie, in dem die Grundprinzipien von Anziehung un Abstoßung, Annäherung und Distanz in prekäre und immer bewegliche Balance gebracht sind. SKIBAs mentale Karthographie treibt das Bild hervor – mit Hilfe seiner ureigenen visuellen Mitteln, schwingende Linie und zweidimensionale Fläche und ihr unauflösbares Widerspiel. Das Blatt wird zur (fremden) Gegend, mobilisiert, belebt, bewohnt durch die Zeichnung. Das Verfahren der Kartographie wird erweitert, verändert, auf dne Kopf gestellt: Skiba geht es nicht um Fixierung, sie gibt keine festgestellten, einsinnigen Ansichten, stattdessen läßt sie ihre Formen atmen, sich falten, oszillieren. Stete Veränderung und ein Augenblick im Jetzt.

Was wir sehen scheint in ständiger Verwandlung, und dies auch und vor allem als Spur einer Bewegung/Aktion, durch die die Linie Zeit verräumlicht, das zeitliche Nacheinander in ein räumliches Beieinander, Sukzession in Simultaneität. transformiert: ein Kontinuum, das jedoch in der Mikro-Sicht aus deutlich unterschiedenen, sich unterscheidenden Linien besteht. Konzentriert und ausufernd erzeugen die Linien Rhythmen, Spannungsfelder, Variationen und Entzug.

Vertieft in das Machen, in die Bewegung des Stiftes, ist für den Zeichner die endgültige Form nicht abzusehen - als visuellste Kunst ist die Zeichnung im Entstehen eigentlich augenlos – Sie entsteht aus dem Gedächtnis und aus der Hingabe an das Jetzt des Tuns: Innenschau und Erinnerung bilden ihr Fundament. Mitunter überlagert Zuzanna Skiba die zeichnerische Struktur durch Farbe, das Strichgewebe wird in einen pulsierende Farbfläche eingebettet – umgekehrt wird der Farbraum durch die unterliegende Zeichnung gehalten und akzentuiert, es eröffnet sich ein komplexes Bildfeldpotential im Widerspiel von Malerei und Lineament.

Die dichten Felder, die mit Ausdehnung und Einziehung das Blatt strukturierten öffnen sich in letzer Zeit zu ringförmigen Gebilden, die Striche, die sie hervorbringen changieren in ihrer Intensität vom Grau zum Schwarz. Außen und Innen, Raum und Linie, Grund und Figur werden in diesen luftigen ‚Blasen’ noch einmal anders entfaltet, die Form schwebt, hebt ab, Papier und Zeichnung bestimmen sich in fragiler Identität. Im zeichnerischen Prozess ist die Linie beides: sie läßt die Form entstehen, sie ist Spur eines Subjekts. Skibas Zeichnungen balancieren zwischen den Polen, sind zugleich Übergang und Grenze. Ihre Liniengebilde, die Materialität des Striches verwandeln sich in der Wahrnehmung in anschauliche Energie.

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Text by :  Dorothée Bauerle-Willert

„No matter how smooth, weightless and uncertain the line may be, it always refers to a force, to a direction. It is an energon, a work that shows the track of its drive and its expenditure.“ Roland Barthes

What is a line? Every line, even the most simple, encompasses two things: It is a trace of the movement of drawing the line, thus representing the image of a gesture. Moreover, the lines create, as a game of the lineament, their concentration, interweaving, their mutual communication, a different, a separate and previously unseen, world. The drawing refers back to the energy of the artist and points to the other: attraction and disbursement, turning to oneself and to the object that configures itself as an inner mental picture through perception, to again become another when the pen touches the paper.

Zuzanna Skiba’s complex, expansive drawings move in this in-between space. From lines composed of very unspectacular dashes results a pulsating, vibrating structure, the whole and its parts, various perspectives tilt towards one another, as if oversight, insight and inner vision coincided in the drawing process: the sentence loop ‘inside is outside is inside’, hits the center of this graphic work. The outer scene and the inner landscape fit naturally into a mysterios field of lines, to an irresolvable inner network. In the drawings, the multiplicity of the individual seems to be suspended, as a sequence of contracting and expanding lines extending in the distance: infinity and beginninglessness are one. Zuzanna Skiba’s drawings are figures floating into each other, and the open, fragmentary, unfinished element in the drawing corresponds precisely to the transition between shape and resolution.

The series of magnetic fields creates swirling shapes, the lines forming the exterior shape simultaneously generate a force field in their internal space, a bundling of energy in which the basic principles of attraction and repulsion, proximity and distance are accommodated in a precarious and constantly changing balance. Zuzanna Skiba’s mental cartography drives out the picture - with the help of its very own visual means, swinging line and two-dimensional surface and their indissoluble interplay. The leaf becomes a (foreign) country, mobilized, animated, inhabited by the drawing. The process of cartography is expanded, changed, turned upside down: Zuzanna Skiba is not about fixation, she does not present identified, willfull views; on the contrary, she lets the shapes breathe, fold, oscillate. Constant change and a moment in the here and now.

What we see seems to be transforming without end, and this the more so as a trace of a movement/action, through the line time is spatialized, the temporal sequence is transformed into a spatial juxtaposition, simultaneity in succession: a continuum; however, in the micro-view it is composed of significantly distinct, differing lines. Focused and sprawling, the lines produce rhythms, tension fields, variations and with drawal.

Being absorbed in the making, in the movement of the pin, the drawer cannot foresee the final form - being the most visual art, the drawing is actually ‘eyeless’ - it arises from memory and out of devotion to the moment of doing: introspection and memories are its foundation. Sometimes Zuzanna Skiba superimposes colour onto the graphic structure, the tissue of lines is embedded in a vibrant colour area. - vice versa, the colour space is held and accented by the underlying drawing, a complex field potential opens up in the interplay between painting and lineament